Lebensstationen von queeren Personen (LSBTIAQ*). Ein Text-Projekt des IDAHOBIT* Bündnisses Göttingen

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Zum IDAHOBIT 2021 hat das IDAHOBIT* Bündnis Göttingen ein Text-Projekt zu den Lebenstationen queerer Menschen erstellt, um auf die vielen verschiedenen Probleme, mit denen LSBTIAG* Personen im Laufe ihres Lebens kofrontiert werden, aufmerksam zu machen.
Anlässlich des sich dem Ende neigenden PRIDE-Monats Juni findet ihr diese Stationen in aller Ausführlichkeit nun noch einmal hier gesammelt.

Der Lebensweg beginnt bei der Geburt. Die Körper mancher neugeborener Babys zeigen Merkmale, die gemäß des Zwei-Geschlechter-Modells weder dem männlichen noch dem weiblichen Geschlecht eindeutig entsprechen. Diese Variationen körperlicher Geschlechtsmerkmale werden häufig pathologisiert – also als krankhaft betrachtet – oft mit der Folge medizinisch unnötiger Eingriffe. Hormonelle und chirurgische Eingriffe zur „Geschlechtsvereindeutigung“ an Babys und Kindern finden statt ohne Einwilligung des Individuums und sind eine hochgradig traumatisierende Menschenrechtsverletzung.

Zwischen 2005 und 2014 wurden in Deutschland jedes Jahr bei rund 1.700 Kinder zwischen null und neun Jahren geschlechtsangleichende Operationen durchgeführt. (Quelle: Ulrike Klöppel, „Zur Aktualität kosmetischer Operationen ‚uneindeutiger‘ Genitalien im Kindesalter“, 2016). 

Im Frühjahr diesen Jahres wurde im Bundestag ein Verbot geschlechtsangleichender OPs an Kindern beschlossen. Intergeschlechtliche Kinder, die nicht eindeutig weiblich oder männlich sind, sollen so künftig vor unnötigen Behandlungen an ihren Geschlechtsmerkmalen bewahrt werden. 

Bislang gibt es in Göttingen offenbar keine Gruppe, in der sich inter* Personen gemeinsam organisieren. Somit ist auch im IDAHOBIT-Bündnis keine direkte Interessenvertretung dieser Personengruppe möglich. 

Im Kampf für Geschlechtergerechtigkeit haben inter* Personen in Deutschland einen entscheidenden Erfolg erzielt: Inter* Personen haben gerichtlich erstritten, dass es neben „weiblich“ und „männlich“ die Möglichkeit eines alternativen Geschlechtseintrags geben muss, die so genannte „3. Option“, die teilweise mit dem Begriff „divers“ benannt wird. Mittlerweile gibt es auch in vielen Zusammenhängen, die Möglichkeit, den Geschlechtseintrag „ohne Angabe“ offen zu lassen. Eine weitere gesetzliche Verbesserung wurde dahingehend durchgesetzt, dass für inter* Personen eine Personenstandsänderung über eine ärztliche Bescheinigung möglich ist.


Die ersten Lebensjahre spielen sich in der Familie ab. Obwohl gerade queere Jugendliche eine schützende Umgebung für ihre Persönlichkeitsentwicklung brauchen, machen sie gerade in ihrer Familie häufig die ersten Diskriminierungserfahrungen.
In einer Befragung von trans* Jugendlichen gaben 79 Prozent an, dass ihre Familie ihre Geschlechtsidentität nicht ernst genommen habe. (Quelle: Krell, Claudia; Oldemeier, Kerstin, „Coming-out – und dann…?! Coming-out-Verläufe und Diskriminierungserfahrungen von lesbischen, schwulen, bisexuellen, trans* und queeren Jugendlichen und jungen Erwachsenen in Deutschland, 2017).

Jugendliche LSBTIQA* berichten von vielfältigen Diskriminierungserfahrungen in ihren Familien: 17% wurden beschimpft, 11% wurden ausgegrenzt, 3% erlebten körperliche Gewalt. (Quelle: DJI-Studie „Coming-out“, 2015)

„Wenn Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene immer noch Angst davor haben müssen, sich vor ihrer Familie zu outen, weil ihnen Ausgrenzung oder Rauswurf droht, zeigt das deutlich, dass wir noch längst nicht in einer diskriminierungsfreien und aufgeklärten Gesellschaft leben. Es braucht deshalb mehr Sensibilisierung von Eltern, Großeltern und Angehörigen, damit queere Kinder in ihrer Familie respektiert und unterstützt werden.“ (Denise Labahn, Projekt equity* – Empowerment für queere Jugendliche und Erwachsene bis 27)


Nicht nur in Familien kommt es zu Diskriminierungen. Leider ist auch die Schule als wichtiger Sozialisationsort für viele junge queere Menschen kein sicherer Raum.
LSBTIAQ* Jugendliche erleben in Schule, Ausbildung oder am Arbeitsplatz verschiedene Formen von struktureller, verbaler und physischer Gewalt: Beschimpfungen und Beleidigungen (55%), Ausgrenzung (34%), Androhung von Gewalt (13%), Zerstörung von Eigentum (12%) oder körperliche Gewalt (10%). (Quelle: DJI, „Coming-out-Studie“, 2017).

Gegen die Diskriminierungsstrukturen gegenüber queeren Jugendlichen engagiert sich auch das Aufklärungsprojekt SCHLAU Göttingen: „Auf deutschen Schulhöfen gilt „schwul“ immer noch als Schimpfwort und nur wenige queere Jugendliche trauen sich, sich zu outen. Deshalb müssen wir gerade im Raum Schule gezielt gegen Diskriminierung vorgehen und unter Schüler*innen und Lehrkräften ein Bewusstsein dafür schaffen, dass keine Person wegen ihrer Identität beleidigt werden darf. Nur dann können sich queere Jugendliche in der Schule ernstgenommen und sicher fühlen.“

Ein solches Engagement darf nicht einzelnen Lehrkräften und Initiativen überlassen bleiben, sondern muss strukturell verankert werden: „In Schulen muss Aufklärung und Antidiskriminierungsarbeit selbstverständlich stattfinden und verpflichtender Teil von Lehrplänen und Unterricht sein. Cis-geschlechtliche, heterosexuelle Personen müssen Verantwortung übernehmen und gegen diskriminierende Strukturen arbeiten.“ (Moriz Jordan, Projekt equity* – Empowerment für queere Jugendliche und Erwachsene bis 27)


Nach der Schule geht es für einige zur Uni. Sie wirkt oft wie ein offener Raum, in dem sich alle entfalten können – jedoch trifft das für queere Personen häufig nicht zu. Gerade strukturell gibt es hier einige Herausforderungen und fehlende Unterstützung seitens der Verwaltung und Entscheidungsträger*innen.

Ein Problem, dass sich nicht nur an der Uni zeigt, sondern sich durch alle Lebensbereiche zieht und auch im Arbeitsleben und sonstigen Alltag immer wieder schwierig werden kann, ist der Toilettenbesuch.

Die Befriedigung dieses Grundbedürfnisses bedeutet insbesondere für trans, nichtbinäre oder inter Personen häufig ein Outing oder den Zwang, sich einer Kategorie zuzuordnen, der sie sich nicht zuhörig fühlen. Diese Situation wird mitunter von unangenehmen Blicken oder Kommentaren begleitet. Eine Möglichkeit, das Leben für viele queere Personen leichter zu gestalten, sind All-Gender-Toiletten.
Dazu äußert sich die Unigruppe aqut*: „Das Präsidium sollte eine uniweite Verpflichtung zur Bereitstellung von All Gender Toiletten und Umkleiden in allen Instituten einführen und dies nicht, wie kürzlich entschieden, den einzelnen Dekanaten selbst überlassen.“ Die Gruppe erklärt weiter: „Wir fordern außerdem eine einfache und unkomplizierte Möglichkeit zur Änderung des Namens und des Geschlechteintrags in der uniweiten Studierendendatenbank, ohne dass dafür ein Gerichtsbeschluss nach TSG (Transsexuellengesetz) vorausgesetzt wird.“


Für andere LSBTIAQ* steht nach der Schule eine Ausbildung an. Auch hier kann es zu Diskriminierung aufgrund einer queeren Lebensweise bzw. Identität kommen. LSBTIAQ* treffen im Bereich Schule, Uni und Ausbildung auf verinnerlichte, unhinterfragte Geschlechterklischees und Rollenerwartungen. Das zieht sich bis ins Arbeitsleben weiter.

Laut einer Untersuchung gehen 30% aller queeren Menschen im Job nicht offen mit ihrer Sexualität oder sexuellen Identität um. (Quelle: Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) und Universität Bielefeld, 2020)

„Auf die Frage, was ich am Wochenende so mache, antworte ich meistens ausweichend. Wenn ich als Mann sage: „Ich gehe mit meinem Partner essen“, führt das immer noch zu geweiteten Augen. Meine heterosexuellen Kolleg*innen  sind mit solchen Reaktionen nicht konfrontiert, wenn sie über ihr Privatleben berichten. Dass sie so meine Lebensweise (und die vieler anderer Menschen) als abweichend an den Rand drängen, ist ihnen gar nicht bewusst. Ich wünsche mir eine Arbeitswelt, in der alle zu ihrer Sexualität und sexuellen Identität stehen können, ohne dafür verurteilt zu werden.“ (Jannik, Jusos Göttingen)

Hier wird exemplarisch deutlich, was die Zahlen der Bielefelder Forscher*innen belegen. Ein Coming-out am Arbeitsplatz ist für viele noch keine Selbstverständlichkeit. Oft reichen schon Blicke und kleine Gesten aus um Menschen, die nicht in das heteronormative Frau-Mann-Schema passen, herabzuwürdigen und ihnen zu signalisieren, dass sie in dieser Gesellschaft keinen Platz haben sollen.

Die Gruppe Bi+ Göttingen erläutert, dass diese Problematik zahlreiche Personengruppen betrifft: „Im Arbeitsalltag ist es durchaus üblich, dass eine Begleitung von dem/der Partner*in bei Firmenfesten oder Weihnachtsfeiern erwartet wird. Hierbei lassen heteronormative, aber auch monosexistische und monogamistische Gesellschaftsnormen keine Freiheiten zu, wer zur Begleitung mitgebracht wird. Die in sich diverse LGBTIQA*-Community besteht jedoch auch aus bi- und pansexuellen, aber auch asexuellen oder polyamourösen Menschen, die sich in solchen Situationen im Arbeitsalltag stark eingeschränkt sehen. Wir sprechen uns für eine offenere Handhabung vielfältiger Beziehungs- und Familienformen und diversitätsorientierte Arbeitskultur aus.“ (Jessica Stazzone Manazza, Bi* Göttingen)


Auch in alltäglichen Situationen kommt es durch Gestik, Mimik und Worte immer wieder zu Diskriminierungen. Diese Verletzungen passieren überall und fallen vielen Menschen, die nicht gemeint sind, meistens nicht auf. 

„Diskriminierung im Alltag bleibt oft im Kleinen wie im Großen unsichtbar. Eine hämische Bemerkung ist nur als Witz gemeint – und untergräbt doch gerade in seiner Häufung das Gefühl von Anerkennung, Selbstwert und Zugehörigkeit. Queere Personen leben in keiner isolierten Blase, sondern in jedem Teil unserer Gesellschaft. Die Dame in Zimmer 54 des Pflegeheims? Lesbisch. Der Postbote? Schwul. Die Person im Bus neben uns? Trans*. Wir wissen sind nicht, wer uns gegenüber steht. Aber müssen wir das? Im Grunde wünschen wir uns doch alle  Respekt und Zugehörigkeit.“ (Stephanie Leitz, Queeres Zentrum Göttingen/Queeres Göttingen e.V.)


Leider sind für viele queere Personen nicht nur diese Alltagsdiskriminierungen ein Problem. Immer wieder kommt es sogar auch zu gewalttätigen Übergriffen, so genannten „Hate Crimes“.
Gewalttaten gegen LSBTIAQ* von Polizei und Behörden werden in den meisten Fällen nicht als solche erfasst – häufig sogar werden sie gar nicht erst zur Anzeige gebracht, z.B. aus Furcht, nicht ernstgenommen zu werden oder erneute Diskriminierung und Verletzung zu erfahren.

„Hassgewalt geht im Einzelfall verloren, da sie bisher nicht systematisch erfasst wird. Wir brauchen einen systematischen und achtsamen Umgang, um queerfeindliche Hassgewalt und Diskriminierung in unserer Gesellschaft eindeutig benennen und konsequent strafrechtlich verfolgen zu können. Dafür ist es essentiell, dass betroffene Personen sich vertrauensvoll an qualifizierte und sensibilisierte Behörden wenden können.“ (Stephanie Leitz, Queeres Zentrum Göttingen/Queeres Göttingen e.V.)

Außerdem wird „Hate Speech“, eine Bezeichnung für das Phänomen der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit oder Volksverhetzung im Internet und in Social-Media-Räumen, aktuell in Kriminalitätsstatistiken gar nicht erfasst. In Deutschland ist sie zudem keine juristische Kategorie, auch, wenn einige Straftatbestände, besonders der der Volksverhetzung, ihr nahekommen. Dabei wäre die konsequente Erfassung dieser Straftaten sehr wichtig, denn Hate Speech richtet sich vor allem gegen diejenigen, die ohnehin bereits gesellschaftlich benachteiligt sind, oder diejenigen, die sich mit diesen Menschen solidarisieren, wie zum Beispiel LSBTIAQ* und unterstützende Gruppen. 


Nicht nur fehlt es im Bereich der polizeilichen Erkennung von Queerfeindlichkeit an Sensibilität und Konsequenz – LSBTIAQ* erleben auch nicht selten von polizeilicher Seite Diskriminierung.

Die Gruppe aqut* erläutert: „Der Ursprung von Pride und CSDs liegt im Kampf von Schwarzen, Latinx trans* und queeren Personen gegen Polizeigewalt. Auch in Deutschland wurden queere Personen lange massiv von der Polizei und vom Staat verfolgt. Zum Beispiel wurden schwule und bisexuelle Männer durch den §175 und lesbische und bisexuelle Frauen als Asoziale verfolgt und verurteilt.

Personen, die Rassismus erfahren, erleben diesen auch sehr oft durch die Polizei. Vor allem Schwarze trans* Personen sind im besonderen Maße von Rassismus und Queer- bzw. Trans*feindlichkeit durch die Polizei betroffen, z. B. durch das erzwungene Überprüfen der Geschlechtsidentität durch die Polizei. Das Widerfahren von Racial Profiling und rassistischer Polizeigewalt führen dazu, dass nicht-weiße, rassifizierte Personen kein Vertrauen in die Polizei haben können. Deswegen ist die Polizei allein aus historischen Gründen kein Verbündeter in queeren Kämpfen. Auch heute besteht für queere, insbesondere nicht-weiße Personen somit kein Schutz vor und durch die Polizei.“


Insbesondere Asylsuchende LSBTIAQ* sind einer Mehrfachdiskriminierung ausgesetzt, wie die Gruppe aqut* näher ausführt: „Queere Kämpfe lassen sich nicht von antirassistischen Kämpfen trennen, denn sehr viele Personen sind von Rassismus und Queerfeindlichkeit gleichzeitig betroffen, der sich in allen Lebensbereichen zeigt und in Deutschland strukturell verankert ist. Eines von vielen Beispielen von queerfeindlichem Rassismus in Deutschland ist, dass queere Geflüchtete im Asylverfahren ihre sexuelle oder geschlechtliche Identität „beweisen“ müssen.

Außerdem müssen sie überzeugend darlegen, dass sie aufgrund ihrer Identität im Herkunftsland verfolgt wurden, um als asylberechtigt anerkannt zu werden. Dabei ist es die Aufgabe von weißen Menschen, sich um Rassismus zu kümmern und gegen Rassismus bei sich selbst, bei anderen und strukturell bedingt zu arbeiten und Verantwortung zu übernehmen.“


In Deutschland ist es nicht möglich, frei, autonom und unbürokratisch über das eigene Geschlecht zu bestimmen. Stattdessen müssen sich trans* und abinäre/nichtbinäre Personen in komplizierten Verfahren zurechtfinden, wenn sie ihren Personenstand ändern möchten oder geschlechtsangleichende Maßnahmen anstreben. In diesen grenzüberschreitenden, belastenden Situationen werden häufig die ehrenamtlichen Mitarbeiter*innen der Trans*Beratung Göttingen um Unterstützung gebeten:

„Trans* und abinäre/nichtbinäre Personen werden noch immer gezwungen, in teils aufwändigen und häufig demütigenden Prozessen ihre Identität zu beweisen. Zur Änderung von Personenstand und Vornamen sind kostenintensive psychiatrische bzw. psychologische Gutachten immer noch genauso notwendig wie ein Gerichtsverfahren. Trans* Personen können nicht autonom über ihr Sein bestimmen, sondern sind auf sogenannte „Expertinnen“ angewiesen, sie darin zu bestätigen.“ (TransBeratung Göttingen)

„Wir fordern die Abschaffung des sogenannten „Transsexuellengesetzes“ (TSG). Stattdessen fordern wir ein Selbstbestimmungsgesetz. Damit eine freie und einfache Änderung von Namen und Geschlechtseintrag ohne erniedrigende Begutachtung und teure Gerichtsverfahren möglich ist. Geschlechtsangleichende Behandlungen müssen frei zugänglich sein und müssen zudem vollständig von der Krankenkasse übernommen werden.“ (Stephanie Leitz, Queeres Zentrum Göttingen/Queeres Göttingen)


Gleichgeschlechtliche Elternpaare und andere Eltern jenseits des heteronormativen Spektrums sind per Bundesgesetz dazu gezwungen, die gemeinsame elterliche Sorge für ihr(e) Kind(er) über ein aufwändiges Stiefkindaptionsverfahren zu erwirken.
Der Verein Queeres Göttingen e.V. ist derzeit im Dialog mit der Stadt Göttingen, um sich für Verbesserungen in der Umsetzung des verpflichtenden Anerkennungsverfahrens einzusetzen. 


LSBTIAQ* stehen auch im Gesundheitssystem häufig Barrieren, Diskriminierung oder Ausschlüssen gegenüber, wie Sophia von der Göttinger AIDS-Hilfe erläutert: „Erlebte und befürchtete Ressentiments aufgrund der persönlichen Lebensweise oder Identität führen dazu, dass LSBTIAQ* bestimmte Gesundheitsleistungen wie Vorsorgeuntersuchungen seltener als andere Menschen wahrnehmen – und teilweise sogar bei Beschwerden keine ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen.

Auch eine HIV-Infektion bedeutet für viele Menschen Diskriminierung: Obwohl im medizinisch-pflegerischen Alltag HIV-Übertragungen ausgeschlossen sind, bekommen HIV-positive Patientinnen in manchen zahnärztlichen Praxen keinen Termin oder immer nur den allerletzten. In Praxen und Kliniken werden Patientinnen häufig als „HIV-positiv“ geoutet durch extra aufgebrachte Hinweise auf Dokumenten oder Zimmertüren, obwohl dies eine schwere Missachtung der Schweigepflicht darstellt.“

In Zeiten fehlender Blutkonserven bezieht die Göttinger AIDS-Hilfe auch Stellung gegen den Ausschluss bestimmter Personengruppen von der Blutspende. Simone Kamin erläutert: „Schwulen und bisexuellen Männern und trans* Personen wird gruppenweise ein riskantes Sexualverhalten unterstellt. Das faktische Blutspendeverbot basiert offenkundig auf der Stigmatisierung nicht-heteronormativ lebender Personengruppen. Stattdessen sollte das individuelle HIV-Risiko von allen Spender*innen erfragt werden. Der Europäische Gerichtshof hat 2015 geurteilt, dass ein Blutspendeverbot nur gerechtfertigt ist, wenn sich Übertragungsrisiken nicht auf anderen Wegen reduzieren lassen. Durch technische Verfahren ist es längst möglich, alle Blutspenden innerhalb kurzer Zeit auf HIV zu testen, so dass die Sicherheit aller Blutprodukte zu 100% gewährleistet werden kann.“


Im späteren Lebensabschnitt müssen sich viele Menschen mit dem Thema Pflege auseinandersetzen. Für queere Personen birgt das nochmal ganz neue Herausforderungen. 

Aktuell sind queere Personen häufiger kinderlos als die Allgemeinbevölkerung. Exemplarisch lässt sich hier nennen, dass 85% der heterosexuellen Frauen im Alter von 50+ mindestens ein Kind haben, aber nur 15% der älteren lesbischen Frauen Mütter sind. (Quelle: Brachmann & Schmauch, 2007; Gerlach & Szillat, 2017).

Wenn sich nicht Angehörige um die Pflege kümmern, bleibt oft nur der Umzug in ein Pflegeheim. Sowohl schwule Senioren als auch lesbische Seniorinnen bewerten Einrichtungen der Altenhilfe hinsichtlich der Berücksichtigung ihrer Bedürfnisse überwiegend negativ: je nach Einrichtungsart zwischen 50% und 81% der Schwulen, sowie 96% der Lesben (Quelle: Gerlach & Szillat, „Schwule im Alter – Studie zur Lebenssituation männerliebender Männer in Hamburg“, 2017). Die Perspektive von trans* und inter* Senior*innen bleibt in dieser Studie unberücksichtigt.


Die Gruppen des IDAHOBIT*-Bündnisses Göttingen setzen sich das ganze Jahr über mit vielfältigen Aktivitäten, Lobbyarbeit und Empowerment dafür ein, dass Vielfalt zur Selbstverständlichkeit wird:

„Wir wünschen uns, dass es perspektivisch für keinen Menschen mehr ein Coming-out geben muss und dass der Lebensweg von queeren Menschen nicht mehr von Diskriminierung geprägt ist, wie es bislang noch häufig der Fall ist. Es darf keine Frage von sexueller Orientierung oder geschlechtlicher Identität sein, ob ein Mensch sich in seinem Lebensumfeld sicher und willkommen fühlt. Viele weitere Kämpfe für Gleichheit und Selbstbestimmung sind deshalb weiter notwendig. Unsere Aufgabe als Gesellschaft ist es, unsere Strukturen und unser Verhalten zu hinterfragen und uns gegenseitig die Türen zu öffnen.“